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Jan

 

Warum Männer auf einem leeren Parkplatz gegen den einzigen Baum fahren

Vor einigen Wochen reiste ich zusammen mit meinem Freund Todd auf seine Finca im Landesinneren von Mallorca. Todd ist genau wie Sancho Jurist, und hat ein kaum nachzuahmendes Auftreten, was sich in klinischer Lässigkeit, antiseptischer Arroganz und einer wirklich bemerkenswerten emotionalen Kontrolle äußert. Todd kommt ursprünglich aus Texas, vielleicht hat es auch etwas damit zu tun. Er vermittelt immer das Gefühl:„Ich habe alles unter Kontrolle. Und das IMMER.“

Umso mehr amüsiert es mich, dass Todd ständig irgendwelche unvorhergesehenen Sachen passieren, die er eigentlich unter Kontrolle hätte haben müsste, aber die ihn anscheinend ganz unvorbereitet  treffen. Ich vermute, sein Unterbewusstsein will ihm hier einen Streich spielen und sich auf seine Kosten ab und zu so richtig vergnügen. So geschehen letzte Woche.

Auf unseren häufigen Fahrten nach Palma passierten wir auf der Autobahn ein Schild mit dem Hinweis: Puig St. Miquel. Nachdem ich mehrfach den Wunsch geäußert hatte, ob wir nicht einmal kurz hinauffahren könnten, um meiner immerwährenden Sehnsucht nach der Besichtigung von alten Steinen nachzukommen, erfüllte mir Todd an einem sonnigen Morgen meinen Wunsch. Nach einer kurzen Serpentinenstrecke  erreichten wir einen großen Parkplatz mit einem wunderschönen Baum in der Mitte, hinter dem beeindruckend das Kloster aufragte. Auf dem Parkplatz stand nur noch ein anderes Auto, mit einer blonden jungen Frau auf dem Fahrersitz. Das war meine letzte bewusste Wahrnehmung, denn genau in diesem Moment gab einen heftigen Ruck und einen fürchterlichen Knall, so als wäre uns ein LKW frontal in den Wagen gefahren. Meine Halswirbelsäule meldete sofort sehr deutlich Schmerz und mein Brustbein forderte mich auf, den Elefanten von ihm herunter zu nehmen (es war nur der Sicherheitsgurt, wie ich kurz darauf feststellte). Schockiert fasste ich an meinen teuflisch schmerzenden Nacken, und wimmerte:

„Todd, ich glaube mit meinem Hals ist etwas.“

Ich bekam keine Antwort. Ich sah zu Todd hinüber. Der saß, beide Hände am Lenkrad, leicht nach vorne gebeugt auf seinem Autositz und starrte mit einem Kaninchen-Schlange Blick ungläubig auf das Ding, das uns getroffen hatte. Oder vielleicht sollte ich sagen: das er getroffen hatte.

Todd war gegen den einzigen Baum auf diesem fast fußballfeldgroßen Parkplatz gefahren.

Genau das sagte er auch, mit langsamer monotoner Stimme, vermutlich um Kontrolle der Situation ringend:

„Das gibt es doch gar nicht. Da bin ich doch tatsächlich gegen den einzigen Baum auf diesem Parkplatz gefahren.“

Ich fühlte etwas in mir aufsteigen. Es kam tief aus meinem Bauch heraus, bahnte sich einen Weg durch jede Zelle meines Körpers, die Speiseröhre und Wirbelsäule hinauf, um sich dann in meinem Brustkorb festzusetzen und dort hin- und herzuspringen. Tränen schossen mir in die Augen, und ich brachte schluchzend und mit erstickter, von Anfällen geschüttelter

Stimme hervor:

„Da fährst Du…kkkrchhh kkkrch…kklkkrch…“

Ich versank in einem der schlimmsten Lachanfälle meines Lebens. Tränen rollten über meine Wangen, mein ganzer Körper wurde durchgeschüttelt, meine Füße trommelten hilflos auf dem Boden, und meiner Kehle entwichen seltsam gepresste Kkkrch –Laute. Ich sackte in meinem Sitz ganz nach unten, schnappte nach Luft und rang um Fassung. Todd sah mich in einer Mischung aus prüfend und streng von der Seite an und sagte dann mit besorgter Stimme.

„Sollen wir mal aussteigen?“

„Kkkkrrrchhh Kkkrrch….“

„Schatz, geht es Dir gut?“

„Kkkkrchhhh… Krrrrch“

Todd entschied sich zu einem müden Lächeln, und schlug vor:

„Gut, ich glaube dann fahren wir mal nach Palma weiter. Geht es Dir wirklich gut?“

„Kkkkrchhh… Krrrrrch…“

Mein hysterisches Kichern begleitete mich und Todd bis zur Höhe des mallorquinischen Fughafens. Dort hatte ich mich soweit gesammelt, dass ich den Versuch eines vollständigen Satzes wagte:

„Fährst Du an den einzigen Baum….kkkkrchhh …krch….“.

Todds Gesicht versteinerte sich und er fuhr kommentarlos weiter. Irgendwann sagte er:

„Du weinst ja.“

„Hmmm Hmm“ wimmerte ich.

Ich war nicht mehr zu halten. Lachanfälle schüttelten mich bis ins Parkhaus in Palma und auch auf unserer kleinen Einkaufstour auf dem Fischmarkt Mercat de Olivar. Immer wieder beugte ich mich vornüber und kicherte unkontrolliert vor mich hin. Nach einiger Zeit starrte mich der halbe Markt an. Das war nun gar nichts für Todd, der sehr viel auf ein gutes Auftreten hält, und immer seine Contenance wahrt. Er war anscheinend mittlerweile ziemlich entnervt, und nahm mein Verhalten als persönliche Beleidigung.

„Kannst Du jetzt mal aufhören, das ist kindisch. Musst Du mir hier vor allen Leuten zeigen, dass Du mich für einen Deppen hältst?“

Todd’s braune Augen werden immer zu kleinen blitzschleudernden Schlitzen, wenn er wütend ist. Ein brauner Blitz traf meine Augen. Schlagartig wurde mir der Ernst der Lage klar, und ich versuchte zu schweigen. Wortlos kauften wir im benachbarten Feinkostgeschäft zwei Stück spanische Pizza mit Thunfisch und Zwiebeln und zwei Glas Weisswein in Pappbechern, die wir auf dem Rückweg zum Parkhaus zu uns nahmen. Vor der letzten Ampel verschüttete ich meinen Wein durch eine ungeschickte Bewegung und goss ihn mir über mein gesamtes Kleid. Mühsam unterdrückte ich den nächsten Anfall durch vorgetäuschtes Husten. Todd, mittlerweile wieder in besserer Laune, tupfte mich ab, lächelte mich an, und ließ mich den letzten Schluck aus seinem Weinbecher nehmen. Er nahm mir die ganzen Pappteller ab, und warf sie in die nächste Mülltonne.

„So, jetzt haben wir wieder freie Hände. Geht es Dir besser?“

Ich nickte und hustete. Wir schlenderten weiter und machten Pläne für den weiteren Verlauf des Tages. Plötzlich blieb Todd abrupt stehen.

„Wo ist eigentlich mein Parkticket? Habe ich das eben mit weggeworfen?“

Panisch durchsuchte er alle  Taschen und murmelte:

„Das kann doch nicht sein! Da habe ich tatsächlich das Parkticket in die Mülltonne geworfen“.

Ich brachte noch ein: „.. sollen wir jetzt die Mülltonne durchwühlen …“ heraus, bevor mich der nächste Anfall packte. Allein der Gedanke an uns beide, wie wir auf einem der belebtesten Plätze Palmas eine Mülltonne durchwühlen, brachte mich völlig aus der Fassung. Lauthals röhrte ich über den Plaza Espanol und rang nach Luft

Todd herrsche mich an:

„Jetzt hör endlich auf, überleg Dir lieber wie wir aus dem Parkhaus raus kommen! Und benimm Dich, was sollen denn die Leute denken, die halten mich ja für verrückt!“

Todd griff mich mit eiserner Faust am Oberarm und schleifte mich in die Parkgarage. Er setzte mich ins Auto, wahrscheinlich um weiteren Peinlichkeiten vorzubeugen. Er schaffte es tatsächlich, nur 2 € zu bezahlen und aus dem Parkhaus heraus zu kommen, nachdem er , ausgestattet mit äußerst rudimentären Kenntnissen der spanischen Sprache und in Abwesenheit jeglicher Wagenpapiere sowie mit einem unleserlichen Nummernschild drei Parkwächter davon überzeugen konnte, dass er der rechtmäßige Eigentümer des Wagens sei, und gerade erst in die Parkgarage gefahren war. Ich hatte mich mittlerweile etwas beruhigt und dachte darüber nach, wie ich wieder ein paar Pluspunkte sammeln konnte. Todd rechnet nämlich auch in sozialen Beziehungen in Soll und Haben, bzw. in Pluspunkten und Minuspunkten. So beschloss ich, ihn zu loben. Darüber habe ich mal in einer Frauenzeitschrift einen  Beitrag geschrieben, und nun war ich froh, dass ich über dieses geheime Spezialwissen verfügte. Auf dem Weg nach Hause äußerte ich ausgiebigst meine Anerkennung und Bewunderung, für sein Durchsetzungsvermögen und seine ausgezeichnete Kommunikationsfähigkeit. Es funktionierte. Todd lächelte wieder. Alles war gut. Er nahm meine Hand und drückte mir einen Kuss auf den Handrücken. Ich legte meinen Kopf auf seine Schulter, drückte ihm einen Kuss auf die Wange, und flüsterte:

„Ich liebe Dich, Schatz“.

Todd murmelte irritiert: „Oh, was ist das denn?“

Was hatte er denn jetzt schon wieder? Ich nahm meinen Kopf von seiner Schulter, und setzte mich aufrecht hin: „Was war das denn für eine Antwort?“, maulte ich.

Der Wagen rollte langsam aus und blieb stehen. Erstaunt sah ich zu Todd hinüber, der lakonisch bemerkte:

„Oh, wir haben kein Benzin mehr“.

„Kkkkkrchhhhhh“.

„Ruf doch mal Sancho an, der soll uns was bringen.“

„Kkkkrch… kein Handy …kkkkrchhhhhh“

„Na ganz großartig, und meins ist leer!“

„Krrrrch…“

Todd warf mir einen braunen blitzenden Schlangenblick zu. Wenn Blicke töten könnten… Fluchend kletterte er aus dem Wagen, holte das Warndreieck aus dem Kofferraum und drückte es mir in die Hand. Er knurrte:

„Dann gehe ich mal zur nächsten Tankstelle.“

Todd marschierte los. Nach einer Dreiviertelstunde sah ich ihn wieder am Horizont auftauchen. Schweißgebadet kam er mit einer mit Benzin gefüllten Wasserflache zum Auto zurück. Ich hatte in der Zwischenzeit versucht, mich zu beruhigen, was bösartigst sabotiert worden war durch einen LKW-Fahrer, der erst unser Warnschild kaputt fuhr und dann anhielt, aus seinem Führerhäuschen sprang und mich mit einem Schwall mallorquinischer Worte beschimpfte. Ich kicherte mich durch die Schimpfarie hindurch und entwickelte Befürchtungen, dass bald die Männer mit den weißen Jacken kommen würden, die, die einem die Hände auf dem Rücken zusammen binden und Beruhigungsmittel spritzen. Todd quittierte meinen wirren Bericht mit einem unheilvollen Blick und zusammengepressten Lippen:

„Bist Du noch nicht einmal in der Lage, ein Warndreieck aufzustellen???“

Er schraubte den Tank auf. Während er versuchte, das Benzin in den Tank zu füllen, tropfte Benzin auf seine neuen Designerschuhe. Ich hustete. Zeitgleich tauchte die Policia mit zwei Polizisten auf und wollte wissen, was wir hier ohne Benzin auf der Autobahn machten. Ich kicherte los. Die Polizisten beäugten mich misstrauisch, warfen Todd einen mitleidigen Blick zu, und stellten einen Strafzettel aus. Wahrscheinlich wegen Beamtenbeleidigung. War mir auch egal!

Todd brüllte:

„Verdammt, das geht  nicht ohne Einfüllstutzen!“

„Kkkkrchhh…“

Die nächste Policia hielt neben uns  und rettete mich vor Todd. Sie ließen ihn telefonieren, und eine schweigende halbe Stunde später tauchte Sancho mit einem Ersatzkanister und einem Einfüllstutzen auf. Todd zischte mich an:

„Wehe, du erzählst ihm was!!!“.

Auf dem Weg nach Hause fuhren wir uns in Llucmayor an einer engen Stelle den linken Außenspiegel ab. Kurz danach sprang uns eine Katze vors den Wagen, was sie nicht überlebte.. Meine Lachanfälle hatten zu diesem Zeitpunkt ihren emotionalen Höhepunkt weit überschritten, und nun erkannte auch ich den Ernst der Situation. Ich erklärte mit mitleidiger Stimme:

„So ein Mist. Das ist nicht Dein Tag heute.“

Todd schwieg. Er schwieg den ganzen Rest des Tages, und als ich nachfragte, sagte er mit eiskalter Stimme:

„Du machst Dich den ganzen Tag über mich lustig. Ich bin der Depp in Deinen Augen. Soll ich das lustig finden?“

Weinend trollte ich mich ins Bett .War es eine Sache des Humors, der Todd anscheinend fehlte? Oder hatte ich mich tatsächlich daneben benommen? Nach einer Weile kam ich zu dem Schluss, dass es sicherlich eine Frage der Beziehung zwischen Mann und Frau war. Todd in seinem Selbstverständnis als Mann, der alles unter Kontrolle hat, fühlte sich bloßgestellt und ungerecht behandelt von mir. Ich diagnostizierte: Klare Egoschwäche! Und: Hätte er gleich reagiert, wenn er mit Sancho unterwegs gewesen wäre? Sancho klärte mich am nächsten Morgen bei unserem Ausritt auf:

„Bist Du verrückt geworden? Wie konntest Du lachen? Das kannst Du einem Mann nicht antun? Wir wollen Bewunderung und Anerkennung von Euch!!! Wenn er mit mir unterwegs gewesen wäre, wäre das ein lustiges Männerrabenteuer geworden. Das geht nicht mit Frauen.“

Sprach’s , beugte sich auf seinem Schimmel vor und glitt langsam aus dem Sattel. Besorgt fragte ich:

„Sancho, was ist? Geht es dir nicht gut?“

Sancho krächzte:

„Der einzige Baum auf dem Parkplatz??? KrrrchKrrch….“.

Ganz im Ernst, meine Damen, und insbesondere meine Herren, wie sollen wir Frauen diese Spezies je verstehen?

Nachtrag:

Gestern waren Todd und ich im Tramuntana Gebirge wandern. Als wir auf dem Rückweg kurz vor Einbruch der Dunkelheit ohne Benzin auf einer Serpentinenstrecke stehen blieben, beschloss ich, Sanchos Ratschlag auszuprobieren. Ich lächelte mit angsterfülltem Gesicht zu Todd hinüber, und sagte mit piepsiger Stimme:

„Oh je, Schatz, was sollen wir jetzt tun? Ich habe Angst! Dieser blöde Tank“.

Todd streckte seine Schultern, nahm mich in den Arm und tröstete mich:

„Du musst keine Angst haben, Mäuschen, ich bringe uns im Nullkommanix nach Hause.“

Ich blinkte ihn mit Kulleraugen von unten an und schmiegte mich noch ein wenig enger an ihn.

„Ja“, säuselte ich.

Und dachte bei mir: „Na, Ave, geht doch! Wieder was gelernt“ Als Todd das Auto verließ, um mit Sancho zu telefonieren, ließ ich meinem nächsten Anfall freien Lauf.

In diesem Sinne. ave maria!

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3 Kommentare »

  1. Go to my website…

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  2. Going At this website…

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  3. resource…

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